Nr. 1 (2020)

Kritik der Identitätspolitik

 

Weltweit hat man es mit einer Renaissance von Identitätspolitiken gesellschaftlicher Mehrheiten zu tun, diesmal unter rechtspopulistischem Vorzeichen. Die Identitätspolitik von rechts zeigt Wirkung – auch in den deutschsprachigen Ländern. Sie nimmt politische Debatten ein und bestimmt Themen sowie Stimmungen. Darüber gerinnt sie in die kulturelle, in einigen Ländern sogar in die soziale Ordnung. Rechtspopulistische Identitätspolitik erwirkt so Stück für Stück die sortierte und exkludierende Gesellschaft, von der sie spricht. Für das Christentum, auch für die christlichen Kirchen ist diese Form der Identitätspolitik eine Versuchung, sich gesellschaftlich wieder bedeutsam und für die identitär formierte Mehrheit unverzichtbar zu machen.

Wenn Mehrheiten ihre kollektive Identität gegen Minderheiten behaupten und ihre Rechte und Privilegien im Namen ihrer kollektiven Identität verteidigen, dann wird auf dem Wege von Identitätskonstruktionen Exklusionen und Diskriminierungen betrieben. Diese Form der Politik ist destruktiv für demokratische Auseinandersetzungen. Zugleich drücken sich aber in dieser Art Politik gesellschaftliche Problemlagen und Verwerfungen aus, nicht zuletzt das Scheitern der neoliberalen, auf »Eigenverantwortung« und Wettbewerb setzende Gesellschaftsreform.

Nachdem Donald Trump zum US-amerikanischen Präsidenten gewählt wurde, wurde die rechte Identitätspolitik – zunächst für die USA, zunehmend aber auch für die westeuropäischen Gesellschaften – als eine Antwort auf die Identitätspolitiken diskriminierter Minderheiten analysiert. Die Linke hätte sich, so argumentieren etwa Mark Lilla und ähnlich Francis Fukuyama, in der kulturellen Vertretung von Minderheiten verheddert. Zudem hätten die identitätspolitische Kämpfe für die Anerkennung von zunehmend kleineren Minderheiten den Aufstieg der rechten Identitätspolitik im Namen einer von links vernachlässigten Mehrheit begünstigt. Für die westeuropäischen Gesellschaften wird diese Analyse mit der identitätspolitischen Opposition von Kosmopoliten und Kommunitaristen reformuliert. Man muss jener und auch dieser Analyse nicht zustimmen, um mit der Identitätspolitik von rechts auch jene Identitätspolitiken aufzurufen, bei der es – anders als bei dieser – um die Anerkennung und Gleichstellung von gesellschaftlich diskriminierten und benachteiligten Gruppen geht. Mit der Kritik an rechter Identitätspolitik gerät auch diese unter die Kritik.

Vor diesem Hintergrund nimmt sich "Ethik und Gesellschaft" die Kritik der rechten Identitätspolitik und der darin projektierten Gesellschaftsordnung vor. Gefragt wird aber auch nach den anderen Formen von Identitätspolitik, in denen es um die Anerkennung gesellschaftlich diskriminierter Gruppen geht. Lassen sich deren emanzipatorische Potenziale bestätigen; oder sind sie politisch ähnlich destruktiv, wie das für die Identitätspolitik von rechts behauptet wird? Gefragt wird auch nach der theologischen Sozialethik selbst, ob und wie sie sich der Kollektivierung von Identitäten und der sortierenden Ordnung von Gesellschaften widersetzt.

Redaktion: Michelle Becka (Würzburg), Johannes Frühbauer (Heidelberg), Matthias Möhring-Hesse (Tübingen), Christian Spieß (Linz), Katja Winkler (Linz)


Der Rezensionsteil bietet Besprechungen der neuen großen Bücher von Jürgen Habermas und Thomas Piketty.  Er enthält Rezensionen neuerer Monografien aus der theologischen Sozialethik und der politischen Theorie, in denen es um feministische Rechtskritik und Kapitalismuskritik sowie um das Verhältnis von Religion und Politik und um den Dialog zwischen Judith Butler und der Sozialethik geht. Zudem werden Publikationen zum protestantischen Familiendiskurs, der Umweltethik und den Staatsbildern der Zeitgeschichte besprochen. Schließlich werden Neuerscheinungen zur Katholizismusforschung und zur Religionssoziologie vorgestellt, aber auch Titel zu einem Klassiker des amerikanischen Pragmatismus (John Dewey) und der katholischen Soziallehre (Johannes Schasching SJ).

Redaktion Besprechungsteil: Hermann-Josef Große Kracht und Tim Eckes

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